Wie EVH-Teams mit spielbasiertem Training Koordination und Instrumentenführung üben
Virtuelle Kaninchen und Schmetterlinge zu fangen klingt zunächst nicht nach einer ernsthaften chirurgischen Ausbildung. Doch genau dieses spielbasierte Training zeigte kürzlich die niederländische Fernsehsendung Stand van Nederland: Wereld op Scherp im Rahmen der Ausbildung für die endoskopische Gefäßentnahme am Universitätsklinikum Utrecht (UMC Utrecht). Hinter der spielerischen Oberfläche steckt jedoch ein klar definiertes Ziel: die Schulung von Koordination, Orientierung am Bildschirm und Instrumentenführung – Fähigkeiten, die für die endoskopische Gefäßentnahme (Endoscopic Vessel Harvesting, EVH) essenziell sind.
Simulationsbasiertes Training mit spielerischen Elementen unterstützt EVH-Teams dabei, diese Fähigkeiten bereits vor dem ersten Eingriff im Operationssaal zu entwickeln. So können Anwenderinnen und Anwender in einer Trainingsumgebung Sicherheit gewinnen und standardisierte Abläufe einüben.
Warum EVH besondere Fähigkeiten erfordert
EVH ist ein minimalinvasives Verfahren zur Entnahme von Venen und/oder der Arteria radialis für koronare Bypass-Operationen. Anstatt einen langen Schnitt entlang des Beins vorzunehmen, wird das Gefäß mithilfe einer Kamera und spezieller Entnahmesysteme wie Vasoview von Getinge über kleine Zugänge endoskopisch präpariert.
„Wenn früher eine 30 Zentimeter lange Vene benötigt wurde, musste auch ein 30 Zentimeter langer Schnitt gesetzt werden. Heute reichen dafür zwei kleine Inzisionen“, erklärt Chiara Krebs, OP-Pflegekraft mit chirurgischer Zusatzqualifikation.
Die klinischen Vorteile von EVH gegenüber der offenen Gefäßentnahme sind gut dokumentiert. Dazu gehören kleinere Wunden und eine geringere Belastung für die Patientinnen und Patienten während der Genesung. Gleichzeitig stellt das Verfahren hohe Anforderungen an die ausführenden Personen. Sie arbeiten indirekt über einen Bildschirm statt mit direkter Sicht auf ihre Hände. Bewegungen müssen kontrolliert und präzise innerhalb eines begrenzten anatomischen Raums erfolgen.
„Man sieht meine Hände arbeiten, aber mein Blick bleibt auf dem Bildschirm. Man muss lernen, seine Hände quasi blind zu führen“, beschreibt Chiara Krebs.
Gerade diese Koordination zwischen Instrumentenführung und Bildschirmdarstellung macht EVH zu einem anspruchsvollen Verfahren. Wiederholtes Üben im klinischen Alltag ist naturgemäß begrenzt, während die Qualität des entnommenen Gefäßes wesentlich von einer schonenden Gewebepräparation abhängt.
Bewegungsabläufe außerhalb des OP trainieren
Der TV-Beitrag griff eine Herausforderung auf, die viele EVH-Programme kennen: Wie können medizinische Fachkräfte die für die minimalinvasive Gefäßentnahme erforderliche Koordination und Instrumentenkontrolle sicher trainieren, bevor sie Eingriffe am Patienten durchführen?
Die am UMC Utrecht eingesetzte Simulationsplattform GetPlaying wurde speziell entwickelt, um genau diese Bewegungsabläufe zu trainieren und dabei Elemente der Gamification zu integrieren. Dieser Ansatz wird häufig als „Serious Gaming“ bezeichnet – der Einsatz spielbasierter Umgebungen für Bildungs- und Trainingszwecke im professionellen Kontext.
Die Übungen konzentrieren sich auf Navigation, Hand-Auge-Koordination und Bewegungssteuerung über eine visuelle Benutzeroberfläche. Während des Trainings erhalten die Anwender direktes Feedback darüber, wie effizient und kontrolliert sie arbeiten.
Eine Übung besteht beispielsweise darin, virtuelle Kaninchen und Schmetterlinge mit dem Instrument zu verfolgen und einzufangen. Dabei werden Bewegungsanzahl und Punktzahl erfasst.
„Ich finde es immer noch faszinierend, dass man ein Spiel spielen und die dabei erlernten Fähigkeiten auf den menschlichen Körper übertragen kann“, beschreibt Rianne Rijsdijk, Physician Assistant am UMC Utrecht, die Verbindung zwischen Simulation und klinischer Praxis.
Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell zu sein. Ziel ist vielmehr eine ruhigere und kontrolliertere Instrumentenführung.
„Die Idee ist, mit weniger und ruhigeren Bewegungen zu arbeiten. Das ist besser für die Patientinnen und Patienten, weil weniger Gewebe geschädigt wird“, erklärt Rianne Rijsdijk.
Gleichzeitig ermöglicht das Training, bestimmte Bewegungsabläufe vielfach zu wiederholen, bevor sie im Operationssaal angewendet werden.
„Anstatt direkt am Patienten zu üben, kann man in einer sicheren Umgebung trainieren.“
Von der Simulation in die klinische Routine
Am UMC Utrecht gehört EVH inzwischen seit zehn Jahren zur klinischen Routine. In diesem Zeitraum wurden rund 3.000 Eingriffe durchgeführt. Simulationsbasiertes Training ist dabei zunehmend zu einem festen Bestandteil des Lernprozesses geworden.
Gleichzeitig betonen die Anwender, dass Simulation die reale chirurgische Erfahrung nicht vollständig ersetzen kann. Faktoren wie Gewebewiderstand, Rauchentwicklung während des Eingriffs oder die Verantwortung gegenüber einem Patienten lassen sich nur im klinischen Umfeld erleben.
Dennoch kann die frühzeitige Vertrautheit mit den Instrumentenbewegungen den Einstieg in die Praxis deutlich erleichtern.
„Das Spiel hilft dabei, die Bewegungen des Instruments kennenzulernen“, sagt Rianne Rijsdijk.
Mit der interaktiven Plattform GetPlaying können medizinische Fachkräfte die Navigation über den Bildschirm, die Hand-Auge-Koordination und die Instrumentenkontrolle wiederholt außerhalb des klinischen Umfelds trainieren. Gerade bei minimalinvasiven Verfahren wie EVH kann diese Kombination aus Wiederholung, direktem Feedback und Gamification dazu beitragen, Sicherheit und Konsistenz im Ablauf bereits früh in der Lernkurve zu entwickeln.
Simulation als wichtiger Bestandteil der chirurgischen Ausbildung
Mit der Weiterentwicklung minimalinvasiver Verfahren gewinnt simulationsbasiertes Training zunehmend an Bedeutung in der chirurgischen Aus- und Weiterbildung. Durch die Kombination aus Wiederholung, objektivem Feedback und spielerischen Elementen können EVH-Teams wichtige Fähigkeiten bereits vor dem ersten Eingriff trainieren und so mehr Sicherheit und Routine für die klinische Praxis entwickeln.